Interview mit Architekt Kay Künzel zum Prinzip 'Energiesprong'
// So interessant Neubauprojekte mit minimiertem Energieverbrauch auch sein mögen: In der Praxis werden bundesweit pro Jahr nur etwa ein bis zwei Prozent des Gebäudebestandes neu errichtet, so dass auf jeden Neubau also fünfzig bis einhundert Altbauten kommen. Den weitaus größten Beitrag zur angestrebten Energiewende wird entsprechend die energetische Sanierung des vorhandenen Altbaubestandes leisten müssen. Einen vielversprechenden Ansatz dazu bietet das in den Niederlanden erfolgreich entwickelte Program „Energiesprong“, das eine serielle Sanierung von Reihenhaussiedlungen oder Mehrfamilienhäusern mit seriell vorgefertigten „Plug-&-Play-Fassaden“ vorsieht. Für eine wirtschaftliche Umsetzung orientieren sich die verschiedenen Eingriffe unter anderem an Fertigungstechniken aus der Automobilindustrie.
Musterbeispiel für eine in jeder Hinsicht gelungene serielle Sanierung – Mehrfamilienhaus mit 27 Wohneinheiten in der Frankfurter Ostendstraße
BLACKPRINT: Herr Künzel, mit dem Programm „Energiesprong“ werden in den Niederlanden seit Jahren ganze Reihenhaussiedlungen mit Hilfe von seriell vorgefertigten „Plug-&-Play-Fassaden“ energetisch modernisiert. Um den angestrebten Nullenergiehaus-Standard zu erreichen kommen außerdem Wärmepumpen, Wärmerückgewinnung, vorgefertigte Dachmodule sowie Photovoltaik-Elemente zum Einsatz. Mittlerweile breitet sich das Konzept auch bei uns immer mehr aus: Aktuell werden hierzulande mehr als 11.000 Wohneinheiten nach dem Energiesprong-Prinzip für eine serielle Sanierung geplant und vorbereitet. Sie zählen zu den bundesweit ersten Architekten, die auf das Prinzip zurückgreifen. Was hat Sie daran überzeugt?
Kay Künzel: Mir geht es dabei vor allem um die Herausforderung, dass wir einen riesigen Gebäudebestand haben, der vor dem Hintergrund von Klimaschutz einfach angepackt werden muss. Das über die Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena) verbreitete Energiesprong-Prinzip bietet dazu weitreichende Möglichkeiten. Als zusätzliche Motivation kommt für mich hinzu, dass ich seit Jahren mit vorgefertigten Elementen aus Holz arbeite, weil ich das Material zusammen mit der großen Auswahl an natürlichen Dämmstoffen, an Fassadengestaltungen und an Innenraumgestaltung einfach am konsequentesten finde. Die Spielfelder Architektur und Bauwesen sind schon anstrengend genug. Wenn ich deshalb einen Schlüssel in der Hand halte, der mir im Prozess ganz viele Dinge vereinfacht und mit dem ich einen Baukasten an seriell wiederkehrenden und multiplizierbaren Detaillösungen habe, dann bietet mir das die Chance, dringend benötigte Quadratmeter an die Wand zu bekommen.
BLACKPRINT: Bei welchem Projekt haben Sie das Energiesprong-Prinzip erstmals umgesetzt?
Kay Künzel: Wirklich ganzheitlich umgesetzt haben wir das Prinzip bei der Sanierung eines siebengeschossigen Mehrfamilienwohnhauses aus den 1960er-Jahren mit insgesamt 27 Einheiten in Frankfurt. Dabei haben wir den ursprünglichen Gebäudekörper nicht nur optisch, sondern vor allem energetisch mit Hilfe von seriell vorgefertigten Holzfassaden mit modernen Erkern modernisiert. Die neu eingesetzten Holzrahmenbauelemente wurden zuvor digital geplant und dann im Werk komplett vorgefertigt und mit Zellulose gedämmt sowie mit dreifach verglasten Holz-Aluminiumfenstern und mit Jalousien ausgestattet. Im Zusammenspiel mit weiteren Maßnahmen wie der Nutzung von Wärmerückgewinnung und einer PV-Anlage auf dem Dach war es uns möglich, den Wärmeenergiebedarf der Wohnungen um den Faktor 40 zu reduzieren. Statt der vorher eingebauten 120-kW-Gas-Heizung haben wir nunmehr eine Kleinstwärmepumpe mit einer Leistungsaufnahme von 3,26 kW einbauen können. Zur Verbesserung des Mikroklimas haben wir außerdem die Dachgauben begrünt und die Hofflächen entsiegelt. Regen- und Abwässer des Hauses werden in 25.000 Liter Zisternen aufbereitet und gespeichert. Hieraus erfolgt die Energieversorgung der Wärmepumpe. Im Ergebnis erreichen wir Passivhaus-Standard und haben sogar einen Netto-Energieüberschuss!
Die seriell vorgefertigten Holzfassaden mit modernen Erkern und die dreifach verglasten Aluminium-Holzfenster mit Jalousien leisten einen wichtigen Beitrag zur energetischen Sanierung.
BLACKPRINT: Gab es spezielle Anforderungen bei dem Projekt?
Kay Künzel: Ja, die große Herausforderung war, dass wir es mit einem Gebäude zu tun hatten, das weitgehend bewohnt war und bei dem keine sanierungsbedingten Kündigungen ausgesprochen werden sollten. Die serielle Sanierung nach dem Energiesprong-Prinzip hat uns ein ideales Werkzeug geboten, mit dem es uns möglich war, geschossweise komplett vorgefertigte Elemente auf die Baustelle liefern und montieren zu lassen. Dazu wurde der gesamte Bau- und Planungsprozess mit BIM umgesetzt, vom Aufmaß bis zur CNC-Maschine. Dieser Prozess macht passgenaues Arbeiten mit allen Eigenheiten des Bestands überhaupt erst sinnvoll möglich. Die Vorfertigung der Elemente in der Halle glich dabei einem Lego-Spiel, bei dem alle Bauteile einzeln geschnitten, nummeriert, produziert, gestapelt und sauber dokumentiert wurden. Das Ergebnis waren dann die fertigen Fassadenmodule mit den integrierten Balkonerweiterungen, mit sämtlichen Fenstern, Fensterbänken und Absturzsicherungen, mit den entsprechenden Verschattungselementen, Elektrokabeln und sonstigen Installationen.
Die komplett vorgefertigten Elemente wurden geschossweise auf die Baustelle geliefert und montiert
BLACKPRINT: Der Wohnwert der Wohnungen dürfte sich nach dem Umbau deutlich verbessert haben...
Kay Künzel: Absolut und spürbar! Das Gebäude stammt aus den 1960er-Jahren, hatte also gute 60 Jahre auf dem Buckel. Entsprechend gab es bei dem Projekt Erneuerungsbedarf an allen Ecken und Kanten. Die Fassade selbst war dabei noch relativ unproblematisch, weil sie ja auch ungedämmt noch funktioniert hat. Aber die Haustechnik und der gesamte Innenbereich waren letztlich nicht mehr zeitgemäß. Entsprechend musste auch die komplette Strom- und Wasserversorgung im gesamten Gebäude erneuert werden. Zusätzlich haben wir einen Aufzug integriert, die einzelnen Wohnungen durch Erker erweitert und den Restaurantbereich im Erdgeschoss vollständig erneuert. Hinzu kommen die gestalterischen Maßnahmen in den Innenräumen, also der Einbau neuer Böden, Toiletten und Duschanlagen. Die Bewohner erleben einen Quantensprung von „vorher zu heute“
BLACKPRINT: Das klingt sehr positiv. Aber wie stellt sich die wirtschaftliche Seite dar? Lässt sich beziffern, wie lange es dauert, bis die Investitionskosten wieder eingespielt sind?
Kay Künzel: Wenn ich es genau nehme, dann liegt die annuitätische Bilanz ab dem ersten Tag im Plus. Denn ausgehend vom Status quo eines Hauses, das eigentlich kaum noch bewohnbar war, geht es ja zunächst mal darum, überhaupt noch einen Mietzins zu erwirtschaften. Trotz absolut hohen Investitionen liegt der Return on Invest bei unter 10 Jahren! Hinzu kommt der Vorteil, dass die hohe Qualität, die umgesetzt wurde, weit länger hält. Im Ergebnis habe ich also ein Gebäude, bei dem in den nächsten 30, 40, 50 Jahren kaum Sanierungen anfallen werden. Solche Projekte sind also nicht nur zukunftsfähig und damit wirklich nachhaltig, sie sind in der Gesamtbetrachtung zudem deutlich wirtschaftlicher.
BLACKPRINT: Und können Sie auch sagen, wie es mit der Miete aussieht?
Kay Künzel: Auch hier wurde ein sozialverträglicher partnerschaftlicher Ansatz verfolgt. Neben den Heizkosten gibt es ja zahlreiche weitere Nebenkosten, angefangen von den Gebühren für Kabelanschluss bis hin zum gemeinsamen Internet. Wenn man diese gemeinschaftlich denkt, wird Budget für Investitionen frei. Es wurde umgestellt auf ein Warmmietmodell mit Inklusiv-Leistungen in der Mietpauschale. Hinzu kommen die Wohnraumerweiterungen, natürliche Baustoffe und gesunde Oberflächen, erhöhter Schallschutz, Verschattung und passive Kühlung, z.B. durch die hohe Begrünung. Die Bewohner haben heute einen erheblich höheren Wohnkomfort, und dennoch zahlen sie einen leistbaren Mehrpreis für die Warmmiete. Die Anpassung der Mieten wurde unter Berücksichtigung der persönlichen Aspekte sozialverträglich abgestimmt. So wird das Projekt für alle vorteilhaft.
Mehrwert für alle: Nach der Sanierung ein deutlich höherer Wohnkomfort für die Mieter bei nur geringfügig gestiegenen Mietpreisen – deutliche Wertsteigerung der Immobilie für den Eigentümer bei schneller Amortisation der Investition
BLACKPRINT: Ein voller Erfolg also. Umso unverständlicher ja eigentlich, dass sich das Prinzip der seriellen Sanierung noch nicht viel stärker durchgesetzt hat....
Kay Künzel: Gut, Widerstände gibt es ja immer. Aber grundsätzlich ist es schon so, dass das Bewusstsein für elementierte Bauprozesse in der Industrie und auch bei den Fachunternehmen wächst. Gerade jetzt, wo der Neubaumarkt zusammengebrochen ist. Und natürlich müssen sich Prozesse erst mal anpassen und einspielen auf Seiten aller Beteiligten. Das alles braucht seine Zeit. Das Konzept Enegiesprong bietet an dieser Stelle ein offenes Prinzip, bei dem sich jeder überlegen kann, was sein Beitrag in einem seriellen Prozess sein kann. Und es ist nicht wirklich so, dass wir in Deutschland keine Erfahrung mit modular-seriellem Bauen hätten. Schauen Sie sich beispielsweise das wiederkehrende Modell der Plattenbauten oder die Fertighausindustrie an, die das Einfamilienhaus aus dem Katalog anbietet. Das alles sind optimierte Bauprozesse für einen ganz bestimmten Bedarf.
BLACKPRINT: Haben Sie denn den Eindruck, dass sich die serielle Sanierung nach dem Energiesprong-Prinzip weiter durchsetzen wird?
Kay Künzel: Ich bin jetzt mal nicht uneigennützig und sage ganz vorsichtig, das liegt immer an den beteiligten Akteuren! Und letztlich haben wir hierzulande doch genügend Häuser für 80 Millionen Menschen. Jetzt müssen wir eben sehen, dass dieser Bestand erhalten bleibt und besser wird. Auf der anderen Seite werden aktuell bis zu 10.000 Euro je Quadratmeter bei Neubauten aufgerufen. Und das auch deshalb, weil niemand von seiner kurzfristig orientierten Renditeerwartung abrücken wird. Statt auf das Wiener Modell zurückzugreifen, bei dem die Stadt ihre Vorkaufsrechte nutzt, um bezahlbare Mieten sicherzustellen, wird der Neubau bei uns weitgehend dem freien Markt überlassen. Dass es auch anders geht, das haben wir gerade bei einem geförderten Wohnbau in der Nähe von Aachen aufgezeigt, bei dem wir bezahlbaren Wohnraum im Passivhaus-Standard in Holzbau und mit seriellen Ansätzen geschaffen haben. Und die Leute können dort für sieben Euro wohnen. Das geht durchaus, wenn man es nur will!
BLACKPRINT: Eine weitere Frage: Ihr Büro raum für architektur ist Mitglied bei Green X Future Building Solutions. Kommt dieses Netzwerk an Baubeteiligten auch bei der Realisierung von seriellen Sanierungen ins Spiel?
Kay Künzel: Green X Future Building Solutions ist ein gewachsenes Netzwerk, ein Verbund nicht nur von Ingenieuren und Architekten, sondern auch von Materiallieferanten, von Produzenten, von Holzbauunternehmen, von Systemlieferanten. Es ist schon gute zwanzig Jahre her, dass sich diese Bewegung gegründet hat, ausgehend von der Motivation, energetisch, einfach und ökologisch viel nachhaltiger zu bauen. Und dieses Netzwerk existiert immer noch, ist mittlerweile aber deutlich gewachsen. Und es ist immer wieder schön zu sehen, wie groß diese Industriepartner und diese Architekturbüros geworden sind. Und dass man es heute mit echten Profis zu tun hat!
BLACKPRINT: Herr Künzel, wir bedanken uns für das Gespräch!
Das Interview führte Robert Uhde.
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