BLACKPRINT: Da höre ich einen sehr pragmatischen Ansatz raus...
Igor Brncic: Ja, gewissermaßen können Sie das als Pragmatismus bezeichnen. Stattdessen ist in den vergangenen Jahren vielfach dieses Denken entstanden, dass Nachhaltigkeit gleichbedeutend ist mit einer bestimmten Art des Bauens. Als Vorbild gilt zum Beispiel der Holz- oder Holzhybridbau. Im Wesentlichen ist dabei aber ein hoher Einsatz von Hochtechnologie erforderlich, der vom Aufwand her nicht immer zu rechtfertigen ist. Denn häufig kann ich mit wenigen einfachen Mitteln deutlich bessere Resultate erzielen. Hinzu kommt, dass bei einem Holzhybridgebäude alles auf den Punkt genau minutiös durchgeplant sein muss. Problematisch wird es, wenn sich die Nutzung in den nächsten 20 Jahren möglicherweise völlig ändern muss. Das wird dann sehr schwierig, denn jedes Bauteil hat ja seinen festen Ort, so dass sich nachträgliche Veränderungen nur in kleinem Umfang umsetzen lassen. Abgesehen davon stellt sich die Frage, ob wir nachwachsende Rohstoffe überhaupt dauerhaft in der erforderlichen Menge bereitstellen können.
BLACKPRINT: Es geht also letztlich um die richtige Balance von grundlegender Strategie, Gebäudestruktur und der jeweils eingesetzten Gebäudetechnik...
Igor Brncic: Ja genau! Und deshalb überlegen wir immer wieder neu, an welchen Stellen sich welche Maßnahmen lohnen und wie sich das Verhältnis von Aufwand und Nutzen jeweils darstellt. Wenn ich hier gute Lösungen finde, dann habe ich schon sehr viel gewonnen. Ganz generell achten wir dabei darauf, den Einsatz von Technologie eher langsam zu reduzieren, also einen Paradigmenwechsel von High Tech zu Low Tech umzusetzen. Und ich bin überzeugt, dass wir auch als Gesellschaft stärker in diese Richtung denken müssen, um uns im Sinne von Nachhaltigkeit neu aufzustellen. Unterschätzt wird außerdem das Thema Gestaltung. Denn nur wenn die Architektur von den Menschen akzeptiert wird, wird sie auch langfristig bestehen können.
BLACKPRINT: Angenommen, Sie hätten die freie Auswahl: Welches Gebäude würden Sie gerne revitalisieren?
Igor Brncic:Es gibt viele interessante Gebäude, aber wenn es nur eines sein soll, dann ist es definitiv das Kaufhof-Gebäude am Marienplatz hier in München. Der Bau aus dem Jahr 1972 ist nicht unbedingt geliebt, aber dennoch ein prägendes Element der Münchner Architektur. Ich würde sehr gerne darüber nachdenken, wie es in Zukunft aussehen könnte.
BLACKPRINT: Parallel dazu haben Sie in den vergangenen Jahren auch Neubauprojekte wie das Bürogebäude M8 in München entwickelt. Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit hier?
Igor Brncic: Das Gebäude bietet ein hoch flexibles Erdgeschoss, das jede Art von Gewerbe oder Handel aufnehmen könnte. Und ebenso könnte der Bau auch Wohnen möglich machen, ohne dass die Struktur grundlegend verändert werden müsste. Ganz wichtig war uns außerdem eine Architektur, die man als Nutzer intuitiv versteht. Entsprechend würde ich dem Gebäude prophezeien, dass es für die Anforderungen der Zukunft bestens gerüstet ist!
BLACKPRINT: Auf Ihrer Website schreiben Sie, dass gute Architektur uneitel sein sollte. Was meinen Sie damit?
Igor Brncic: Die Aussage ist vor allem eine Kritik an einer Architektur, die zuallererst sich selbst gerecht werden will. Natürlich verfolgen auch wir einen sehr hohen Design-Anspruch mit unserer Architektur. Das darf aber doch nie am Anfang stehen. Stattdessen sollten wir doch zuallererst nach den Ansprüchen der Nutzer und der Gesellschaft fragen und erst dann überlegen, welches Design dazu benötigt wird. Ansonsten wird Architektur zum reinen Selbstzweck und dient keinem höheren Zweck. Das bedeutet aber auch, dass jede Bauaufgabe bei uns ganz individuell und ganz anders ist. Es gibt also keinen vorgefertigten Plan, sondern die Gestaltung ergibt sich immer erst aus dem, was das Gebäude gerade braucht.
BLACKPRINT: Herr Brncic, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Robert Uhde.