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Unseren Bestand neu denken

Interview mit Igor Brncic vom Büro OLIV Architekten

// Das Thema Nachhaltigkeit wird in der Architektur vielfach auf den Einsatz von energiesparender Energietechnik oder noch mehr Dämmung reduziert. Das Münchener Büro OLIV Architekten betrachtet das Thema deutlich umfassender und hat dabei vor allem die die Revitalisierung bestehender Gebäude sowie Aspekte wie Nutzungsdauer und Flexibilität im Blick.

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Die insgesamt 6.100 m² großen, auf verschiedenen Ebenen gelegenen Dachflächen des ehemaligen Bürokomplexes spielen eine wichtige Rolle im Revitalisierungskonzept des „New Ganghofer“

BLACKPRINT: Herr Brncic, unter dem Leitgedanken „Defining Architecture“ haben sich OLIV Architekten seit über zwanzig Jahren auf die Revitalisierung von Bestandsbauten spezialisiert. Was ist der Hintergrund dafür?

Igor Brncic: Der Ansatz geht noch auf die Gründungsphase unseres Büros zurück. Damals haben wir uns ganz gezielt eine Nische ausgesucht und uns mit Themen beschäftigt, die andere Architekten damals nur am Rande interessiert haben. Keiner von uns konnte ahnen, wie groß das Thema Nachhaltigkeit einmal werden würde. Ziemlich schnell haben wir außerdem festgestellt, dass sich bei der Revitalisierung von Bestandsbauten ganz andere Überraschungsmomente auftun als bei einem Neubau, den man ja quasi auf einem weißen Blatt erschafft. Immer wieder entsteht da so ein Moment, in dem sich die Dinge neu zusammenfügen und in dem man merkt, wie die Transformation im Quartier angenommen wird. Und dieser Überraschungsmoment ist deutlich größer als bei einem Neubau. Im Zusammenspiel haben wir immer mehr begriffen, wie stark das Thema Revitalisierung mit Verantwortung zu tun hat, mit Aspekten wie Gesellschaft, Klima, Umgang mit Ressourcen.

BLACKPRINT: Wie gehen Sie an ein Revitalisierungsobjekt heran? Welche Fragen stellen Sie sich zuallererst?

Igor Brncic: Bevor wir überhaupt über Architektur nachdenken fragen wir zunächst danach, was der Mensch braucht, was übergeordnet die Gesellschaft braucht. Sie können das natürlich auch ausweiten auf den Immobilienmarkt und fragen: Welche Strategie braucht es, damit ein Gebäude funktioniert? Erst wenn diese Fragen hinreichend beantwortet sind beginnen wir damit, die Architektur zu formen und an diese Anforderungen anzupassen, nie umgekehrt! Erst dann denken wir darüber nach, ob der Bestand vertikal oder horizontal geteilt, erweitert, nachverdichtet, umgeformt oder umgedreht werden muss. Am Anfang steht aber ganz grundsätzlich die Frage, was das Gebäude leisten muss, damit es dauerhaft von der Gesellschaft angenommen wird.

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Die gelungene Revitalisierung des ehemaligen Kaufhauses Beck im Münchner Stadtteil Laim begeistert auch die Anwohner, die das Gebäude noch im alten Glanz erlebt haben.

BLACKPRINT: Dabei geht es sicher auch um die Frage, welche Erinnerungen die Menschen mit dem Bestandsbau verbinden, oder?

Igor Brncic: Absolut! Ein sehr gutes Beispiel dafür ist das ehemalige Kaufhaus Beck in der Fürstenrieder Straße in München. Das Haus ist eingebunden in ein Wohngebiet, stand zuletzt aber fast 30 Jahre lang leer und bildete zunehmend einen brachliegenden und auffälligen Baukörper im Quartier. Im Rahmen unserer Planung haben wir den Bau vollständig umgeformt und neue Nutzungen wie Wohnen, Büro und Handel integriert. Und diese Transformation, die Auseinandersetzung mit dem Gebäude, die Art, wie der Bestand erhalten wurde, all das hat immer auch mit der Historie des Gebäudes zu tun gehabt. Nach der Fertigstellung und Neueröffnung sind Nachbarn und Bürger auf mich zugekommen und haben mir berichtet, dass sie damals in den 1960er Jahren bei der Eröffnung mit dabei waren, wie sie das Gebäude besucht haben und wie erfreut sie jetzt über das Ergebnis sind.

BLACKPRINT: Bei dem Projekt haben sie ein bestehendes Gebäude vollständig transformiert...

Igor Brncic: Ja, das ist eine der Möglichkeiten, mit dem Bestand umzugehen. In anderen Fällen gelingt es aber auch, die Dinge organisch weiterzuführen. Beim ehemaligen C&A-Gebäude in der Kaufinger Straße in München entwickeln wir zum Beispiel eine Mischung aus Einzelhandel, Büros, Gastronomie und Wohnen. Rund 75 Prozent des Rohbaus werden dabei erhalten bleiben. Der Bau startet gerade. Und auch hier gibt es viel Historie, viel Denkmal, viel Vergangenheit, die sich widerspiegelt in einem Gebäude, das für die Zukunft aufgestellt wird.

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Nicht immer ist eine vollständige Transformation notwendig. Das ehemalige C&A-Gebäude in der Kaufinger Straße in München wird gerade für die Zukunft neu aufgestellt und wird doch viel Historie widerspiegeln.

BLACKPRINT: Die Revitalisierung von vorhandenen Kaufhäusern scheint eine zunehmend wichtige Bauaufgabe zu sein für Ihr Büro. Wie erklären Sie sich das?

Igor Brncic: Diese Entwicklung ist natürlich kein Zufall, wenn man sich überlegt, wie stark die Entstehung des Kaufhauses historisch betrachtet unsere Gesellschaft und unsere Innenstädte verändert hat und wie diese Rolle durch die zunehmende Digitalisierung in Frage gestellt wird. In der Zukunft wird es das Kaufhaus als Institution im Stadtgefüge nur noch vereinzelt geben. Entsprechend müssen die vorhandenen Gebäude an die Anforderungen von heute angepasst werden.

BLACKPRINT: Aktuell sind Sie außerdem auch mit der Revitalisierung des ehemaligen Karstadt-Sport-Gebäudes am Schlossgarten in Stuttgart beschäftigt. Was sind die Herausforderungen dort, welche Aspekte sind Ihnen wichtig?

Igor Brncic: Das Gebäude war früher ein klassisches Warenhaus und besitzt entsprechend eine Struktur, die in dieser Form kaum für andere Nutzungen weitergeführt werden kann. Das betrifft insbesondere Aspekte wie Belichtung, Geschosshöhen oder technische Ausstattung. Ein zentraler Bestandteil der Planung ist außerdem die prominente städtebauliche Lage am Entrée der Fußgängerzone und in direkter Nachbarschaft zum Schlossgarten und zum demnächst fertiggestellten Hauptbahnhof Stuttgart 21. Die Ansprüche an die Gestaltung waren entsprechend sehr hoch. Deshalb haben wir einen Entwurf entwickelt, der die Wahrnehmung des Gebäudes komplett dreht und der mit dem Bestand auf den ersten Blick kaum noch etwas zu tun hat. Aktuell präsentiert sich das Kaufhaus mit einer geschlossenen Fassade zur Fußgängerzone und die überdachte Theaterpassage versperrt den Blick zum rückwärtig angrenzenden Schlossgarten. Stattdessen wollen wir den Bau durch eine umlaufend transparente Fassade öffnen und so attraktiven Einzelhandel und Gastronomie ermöglichen. Ebenso wird die Theaterpassage zurückgebaut, um eine Sichtachse zum Park zu schaffen. Prägend wird auch die abgestufte, begehbare Dachlandschaft mit Gärten, Terrassen und Lichthof. Im Ergebnis wird Stadtraum komplett neu definiert und es entsteht eine Verbindung zwischen Park und Fußgängerzone.

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Die Revitalisierung des ehemaligen Karstadt-Sport-Hauses in der Stuttgarter Königstraße schafft eine harmonische Verbindung zum rückwärtig angrenzenden Schlossgarten.

BLACKPRINT: Welche Nutzungen werden integriert?

Igor Brncic: Um das Gebäude möglichst breit aufzustellen haben wir neben Handel und Gewerbe auch gastronomische Nutzungen integriert. Zunächst wird es vom Landtag Baden-Württemberg genutzt. Bei Bedarf können die Büroflächen flexibel an die jeweiligen Nutzer angepasst werden.

BLACKPRINT: Noch einmal zum Thema Nachhaltigkeit: Sie sagten eingangs, dass es dabei nicht nur um den Energieverbrauch geht, sondern vor allem darum, dass man Gebäude schafft, die auch in 50 Jahren noch funktionieren und genutzt werden. Auf der anderen Seite steht das Bemühen, nachhaltige Gebäudetechnik vermehrt zum Einsatz bringen. Wie gewichten Sie die verschiedenen Aspekte?

Igor Brncic: Das hängt immer vom Einzelfall ab. Ganz generell fragen wir aber zunächst, wie wir das betreffende Gebäude so flexibel aufstellen können, dass es sich frei bewegen kann, dass es von heute auf morgen neue Nutzungen wie Wohnen, Handel oder Gewerbe aufnehmen kann, ohne dass es abgerissen werden muss. Und erst dann mache ich mir Gedanken über den Einsatz von Gebäudetechnik. Ich denke, in dieser Hinsicht unterscheidet sich OLIV Architekten deutlich von anderen Büros. Auch hier ist die Revitalisierung des Karstadt-Sport-Gebäudes in Stuttgart ein gutes Beispiel. Denn ganz bewusst haben wir hier darauf geachtet, dass sich die spätere Büronutzung mit einem überschaubaren Lüftungs- und Kühlungsaufwand umsetzen lässt; und zwar einfach dadurch, dass die Fassade eine Querlüftung erlaubt und die Menschen damit wieder in eine Nutzungsweise zurückkehren, wie sie vor einigen Jahrzehnten noch normal und gängig war.

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Der Landtag Baden-Württemberg kann sich beim Einzug in das revitalisierte Gebäude am Schlossgarten in Stuttgart auf ein lichtdurchflutetes Gebäude mit vielfältigen Möglichkeiten zum Einkaufen und zum Genuss kulinarischer Köstlichkeiten freuen.

BLACKPRINT: Da höre ich einen sehr pragmatischen Ansatz raus...

Igor Brncic: Ja, gewissermaßen können Sie das als Pragmatismus bezeichnen. Stattdessen ist in den vergangenen Jahren vielfach dieses Denken entstanden, dass Nachhaltigkeit gleichbedeutend ist mit einer bestimmten Art des Bauens. Als Vorbild gilt zum Beispiel der Holz- oder Holzhybridbau. Im Wesentlichen ist dabei aber ein hoher Einsatz von Hochtechnologie erforderlich, der vom Aufwand her nicht immer zu rechtfertigen ist. Denn häufig kann ich mit wenigen einfachen Mitteln deutlich bessere Resultate erzielen. Hinzu kommt, dass bei einem Holzhybridgebäude alles auf den Punkt genau minutiös durchgeplant sein muss. Problematisch wird es, wenn sich die Nutzung in den nächsten 20 Jahren möglicherweise völlig ändern muss. Das wird dann sehr schwierig, denn jedes Bauteil hat ja seinen festen Ort, so dass sich nachträgliche Veränderungen nur in kleinem Umfang umsetzen lassen. Abgesehen davon stellt sich die Frage, ob wir nachwachsende Rohstoffe überhaupt dauerhaft in der erforderlichen Menge bereitstellen können.

BLACKPRINT: Es geht also letztlich um die richtige Balance von grundlegender Strategie, Gebäudestruktur und der jeweils eingesetzten Gebäudetechnik...

Igor Brncic: Ja genau! Und deshalb überlegen wir immer wieder neu, an welchen Stellen sich welche Maßnahmen lohnen und wie sich das Verhältnis von Aufwand und Nutzen jeweils darstellt. Wenn ich hier gute Lösungen finde, dann habe ich schon sehr viel gewonnen. Ganz generell achten wir dabei darauf, den Einsatz von Technologie eher langsam zu reduzieren, also einen Paradigmenwechsel von High Tech zu Low Tech umzusetzen. Und ich bin überzeugt, dass wir auch als Gesellschaft stärker in diese Richtung denken müssen, um uns im Sinne von Nachhaltigkeit neu aufzustellen. Unterschätzt wird außerdem das Thema Gestaltung. Denn nur wenn die Architektur von den Menschen akzeptiert wird, wird sie auch langfristig bestehen können.

BLACKPRINT: Angenommen, Sie hätten die freie Auswahl: Welches Gebäude würden Sie gerne revitalisieren?

Igor Brncic:Es gibt viele interessante Gebäude, aber wenn es nur eines sein soll, dann ist es definitiv das Kaufhof-Gebäude am Marienplatz hier in München. Der Bau aus dem Jahr 1972 ist nicht unbedingt geliebt, aber dennoch ein prägendes Element der Münchner Architektur. Ich würde sehr gerne darüber nachdenken, wie es in Zukunft aussehen könnte.

BLACKPRINT: Parallel dazu haben Sie in den vergangenen Jahren auch Neubauprojekte wie das Bürogebäude M8 in München entwickelt. Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit hier?

Igor Brncic: Das Gebäude bietet ein hoch flexibles Erdgeschoss, das jede Art von Gewerbe oder Handel aufnehmen könnte. Und ebenso könnte der Bau auch Wohnen möglich machen, ohne dass die Struktur grundlegend verändert werden müsste. Ganz wichtig war uns außerdem eine Architektur, die man als Nutzer intuitiv versteht. Entsprechend würde ich dem Gebäude prophezeien, dass es für die Anforderungen der Zukunft bestens gerüstet ist!

BLACKPRINT: Auf Ihrer Website schreiben Sie, dass gute Architektur uneitel sein sollte. Was meinen Sie damit?

Igor Brncic: Die Aussage ist vor allem eine Kritik an einer Architektur, die zuallererst sich selbst gerecht werden will. Natürlich verfolgen auch wir einen sehr hohen Design-Anspruch mit unserer Architektur. Das darf aber doch nie am Anfang stehen. Stattdessen sollten wir doch zuallererst nach den Ansprüchen der Nutzer und der Gesellschaft fragen und erst dann überlegen, welches Design dazu benötigt wird. Ansonsten wird Architektur zum reinen Selbstzweck und dient keinem höheren Zweck. Das bedeutet aber auch, dass jede Bauaufgabe bei uns ganz individuell und ganz anders ist. Es gibt also keinen vorgefertigten Plan, sondern die Gestaltung ergibt sich immer erst aus dem, was das Gebäude gerade braucht.

BLACKPRINT: Herr Brncic, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Robert Uhde.


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