Nachhaltig in Kreisläufen gedacht
Interview mit Maarten Terberg vom Utrechter Büro EVA architecten
// Um die Nachhaltigkeit im Bausektor zu steigern, setzen immer mehr Bauherren und Planer auf das Thema Zirkularität. Denn durch die Verwendung von demontierbaren und anschließend wiederverwendbaren Bauelementen lässt sich bei einem späteren Abbruch des Gebäudes viel CO2 einsparen. Ein gelungenes Beispiel dazu bietet der Gewerbepark „Ambachtsezoom“ in der niederländischen Kleinstadt Hendrik-Ido-Ambacht, der landesweit als Vorzeigeprojekt im Hinblick auf Energieneutralität und kreislauffähige Zirkularität gilt. Architektonischer Blickfang am Standort ist der hochwertig gestaltete, nach Plänen von EVA architecten aus Utrecht umgesetzte Holzbau „Omega“.
BLACKPRINT: Herr Terberg, was sind die Besonderheiten Ihres Büroneubaus „Omega“?
Maarten Terberg: Der Bau ist Bestandteil des Gewerbeparks „Ambachtsezoom“, dem ersten und bislang einzigen vollständig energieneutralen und kreislauforientierten Gewerbegebiet in den Niederlanden. Die Initiative zu dem ehrgeizigen Projekt ging von der Gemeinde Hendrik-Ido-Ambacht aus. Denn statt einfach nur einen weiteren Gewerbepark zu entwickeln, in dem dann hinterher vielleicht irgendwelche Gebäude leer stehen, stand für die Verantwortlichen von Anfang an fest, dass der gesamte Standort komplett nachhaltig sein sollte. Und das bedeutete in diesem Fall, dass sämtliche Gebäude sowohl energieneutral als auch zirkulär sein sollten. Bei Bedarf lassen sich die einzelnen Bauten und die jeweils verwendeten Bauelemente also vollständig demontieren und könnten anschließend komplett oder in Teilen an einem anderen Standort neu verwendet werden.
Das Omega Bürogebäude ist ein Vorzeigeprojekt – es fügt sich harmonisch in die Umgebung ein, ist kreislauffähig und energieneutral.
BLACKPRINT: Der Omega-Neubau ist ein zentraler Baustein dieses ehrgeizigen Projektes. Das Ziel von Energieneutralität und Zirkularität war also von vornherein im Bebauungsplan der Gemeinde festgelegt?
Maarten Terberg: Ja genau, die Gemeinde hat uns ziemlich strenge Vorgaben gemacht und die Einhaltung sämtlicher Auflagen dann in einem komplexen Monitoring-Verfahren genau überwacht. Zusätzlich hatte die Gemeinde weitere optionale Maßnahmen aufgelistet, für die dann noch eine zusätzliche Förderung bereit stand. Das betraf insbesondere das Bauen mit Holz, das wir gemeinsam mit dem Bauherrn beschlossen haben, um den CO2-Fußabdruck des Gebäudes maximal zu reduzieren.
Beim Omega-Neubau wurde viel Holz eingesetzt. Der nachwachsende Rohstoff ist nachhaltig, demontierbar und trägt zu einem angenehmen Raumklima bei.
BLACKPRINT: Durch welche konkreten Maßnahmen haben Sie das vorgegebene Ziel von Energieneutralität erreicht?
Maarten Terberg: Da gibt es ganz grundsätzlich zwei Schrauben, an denen man drehen kann; zum einen die gebäudeeigene Erzeugung von Energie und zum anderen die Reduzierung des Energieverbrauchs. Ersteres haben wir unter anderem mit der Integration einer Wärmepumpe und mit der Umsetzung eines Solardachs erreicht. Zusätzlich haben wir den Entwurf so ausgerichtet und mit Verschattungselementen so gestaltet, dass wir eine optimierte Sonneneinstrahlung im Winter und Sommer erhalten und damit möglichst wenig Energie zum Kühlen und Heizen benötigen. Hinzu kommt als weiterer Baustein, dass der Bauherr und Nutzer des Gebäudes ein ausgewiesener Spezialist im Bereich Gebäudeautomatisierung ist und wir entsprechend auch verschiedene Systeme zur Optimierung der Energienutzung integriert haben. Im Zusammenspiel der verschiedenen Maßnahmen haben wir ein komplett energieneutrales Gebäude geschaffen, das im Prinzip energieautark nur mit einem Akku betrieben werden kann.
Die auf dem Dach aufgeständerte Solaranlage leistet einen wesentlichen Beitrag zur Energieneutralität.
BLACKPRINT: Gleichzeitig ist ein weitgehender Rückbau des Gebäudes möglich. Was bedeutet das konkret und welche Anforderungen stellte die Zirkularität an die Planung?
Maarten Terberg: Für uns war es auch das erste Mal, dass wir in dieser Dimension zirkulär geplant haben. Entsprechend hat es uns in vielen Bereichen an Erfahrung gefehlt und auch die Vorbereitung zur Umsetzung dauerte länger als sonst. Aufgrund der sehr strengen Vorgaben für den Standort mussten wir außerdem in vielen Bereichen innovative Lösungen entwickeln, die wir so noch nicht umgesetzt hatten. Deshalb war es eine große Unterstützung für uns, dass wir von Anfang an durch einen Experten der Gemeinde begleitet und beraten worden sind. Rückblickend können wir außerdem feststellen, dass sich die Planungszeit deutlich verkürzen lässt, wenn man die verschiedenen Prozesse einmal durchgespielt hat. Das gilt insbesondere dann, wenn es sich wie bei uns um einen Holzbau handelt. Auch hier haben wir große Unterstützung durch die Holzbauer erfahren, um so wenig wie möglich Materialien zu nutzen. Der eigentliche Aufbau vor Ort hat dann letztlich nur zwei Wochen gedauert!
BLACKPRINT: Welche weiteren Vorteile bietet das Bauen mit Holz aus Ihrer Sicht?
Maarten Terberg: Der Werkstoff Holz ist sehr nachhaltig und gleichzeitig hervorragend zum zirkulären Bauen geeignet, weil man die Elemente nach einem eventuellen Abbruch des Gebäudes problemlos an anderer Stelle weiterverwenden kann. Hinzu kommt die einfache Verarbeitung: Beim Holzbau lassen sich zum Beispiel ohne größeren Aufwand Aussparungen in der Fassade umsetzen, ohne dass dabei Kältebrücken entstehen. Last but not last sprechen auch die hohe Aufenthaltsqualität, die gute Raumatmosphäre und der angenehme Geruch für das Bauen mit Holz. All das ist auch im Omega-Gebäude spürbar. Entsprechend zufrieden sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort.
BLACKPRINT: Der Omega-Neubau in Hendrik-Ido-Ambacht ähnelt deutlich dem Bürogebäude „De Curve“ in IJsselstein, das 2017 nach Entwürfen von EVA fertiggestellt wurde. Wie lässt sich das erklären?
Maarten Terberg: Das war letztlich eher Zufall: Der Bauherr ist über eine Architekturzeitschrift auf das Projekt in IJsselstein gestoßen und war davon so angetan, dass er sein eigenes Gebäude in einer ähnlichen Architektursprache umsetzen lassen wollte und uns daraufhin direkt mit der Planung beauftragt hat. Ausgehend von den spezifischen Qualitäten des Entwurfs in IJsselstein und angepasst an die neuen Rahmenbedingungen haben wir dann einen eigenständigen Entwurf mit ebenfalls organisch abgerundeter Glasfassade entwickelt, der aber deutlich andere Abmessungen und Detaillierungen zeigt und der außerdem nicht in Beton, sondern als zirkulärer Holzbau umgesetzt ist. Im Ergebnis kann man dennoch sagen, dass das Omega-Gebäude eine Art „De Curve 2.0“ im Hinblick auf Nachhaltigkeit ist. Und dass beide Gebäude der gleichen „Familie“ angehören, sich aber nicht wie Bruder und Schwester, sondern eher wie Neffe und Nichte zueinander verhalten.
BLACKPRINT: Ein wichtiger Bestandteil der Gestaltung sind die beiden Dachflächen des Omega-Gebäudes, die als Gründach bzw. als Solardach umgesetzt sind. Welche Anforderungen mussten hier im Hinblick auf das Thema Zirkularität berücksichtigt werden?
Maarten Terberg: Das Sedum-Dach spielt zunächst eine wichtige Rolle für das nachhaltige Gebäudekonzept, weil es eine deutliche Verbesserung der Biodiversität innerhalb des Gewerbeparks ermöglicht und gleichzeitig eine optimierte Kühlung bzw. Wärmedämmung des Erdgeschosses sicherstellt. Im Hinblick auf das Cradle-to-Cradle-Ziel standen wir insbesondere vor der Herausforderung, dass wir auch im Dachbereich keine verleimten Verbundmaterialien verwenden durften. Ebenso wichtig war, dass die verwendete Dachabdichtung lose verlegt oder mechanisch befestigt sein musste und keine giftigen Bestandteile enthalten durfte. Auf Anraten des Bauunternehmers, der schon mit Produkten von CARLISLE® gearbeitet hat, sind deshalb die Abdichtungsmaterialien SURE-WELD® TPO/FPO und HERTALAN® EPDM zum Einsatz gekommen. Beide Bahnen sind komplett schadstofffrei und lassen sich im Sinne einer Kreislaufwirtschaft problemlos abtragen und an anderer Stelle wiederverwenden.
BLACKPRINT: Mittlerweile ist das Projekt fertiggestellt. Was denken sie, wird sich das Thema Zirkularität weiter durchsetzen?
Maarten Terberg: Ja, da bin ich ziemlich sicher, das wird immer mehr werden. Ganz generell muss man natürlich sagen, dass wir aus Gründen der Nachhaltigkeit natürlich am besten überhaupt nicht mehr neu bauen sollten. Schließlich stehen überall zahlreiche Bauten leer. Und nicht alle davon sind beliebte Baudenkmäler, sondern es gibt auch zahlreiche Bauten, bei denen es vielleicht etwas schwerer fällt, sie zu mögen. Aufgrund ihrer Struktur sind diese Gebäude aber oftmals perfekt dazu geeignet, um in anderer Form weitergenutzt zu werden. In der Realität wird das natürlich nicht immer möglich sein und wir werden auch weiterhin Neubauten benötigen. Ganz grundsätzlich sollten wir dann aber versuchen, so wenig CO2 zu verbrauchen wie nur irgend möglich. So wie beim Omega-Gebäude!
BLACKPRINT: Vielen Dank, wir bedanken uns für das Gespräch!
Das Interview führte Robert Uhde.
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