Marc Ritz (rechts) und Otto Closs (links)
ARCHITEKTENGESPRÄCH
> Marc Ritz, Architekt und Gründungspartner CURA Architekten
// Mit der Erweiterung des Schulzentrums im schweizerischen Davos haben CURA Architekten aus München einen zeitgemäßen Schulbau geschaffen, der die Ursprungsstruktur der 1960er-Jahre behutsam weiterentwickelt. Der Entwurf denkt Nachhaltigkeit nicht als Addition von ehrgeizigen Kennziffern, sondern als ganzheitliche Grundhaltung – vom Erhalt grauer Energie über eine flexible Holzskelettstruktur bis hin zu Low-Tech-Lüftungslösungen. Entstanden ist ein inspirierendes Umfeld mit vielfältigen Lern- und Aufenthaltsorten, das pädagogische Offenheit und ökologische Verantwortung ganzheitlich miteinander verbindet.
Ganzheitlich nachhaltig gedacht: Das Schulzentrum Davos
Im Gespräch mit Marc Ritz, Partner bei CURA Architekten
Seit ihrer Gründung entwickeln CURA Architekten Projekte an der Schnittstelle von Bildung, Gesellschaft und Nachhaltigkeit. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Weiterbauen im Bestand, auf ressourcenschonenden Konstruktionen und auf der Nutzung von Materialien, die Kreislauffähigkeit und langfristige Flexibilität fördern. Das Schulzentrum Davos steht exemplarisch für diesen Ansatz. Im Gespräch beschreibt Marc Ritz, Partner bei CURA Architekten, die architektonischen Leitideen hinter dem Projekt und die Herausforderungen des Weiterbauens im Bestand.
Der Erweiterungsbau des Schulzentrums in Davos schließt direkt an den Altbau aus den 1960er-Jahren an.
BLACKPRINT: Herr Ritz, die Beauftragung für die Erweiterung des Schulzentrums in Davos geht auf einen Wettbewerbsgewinn 2022 zurück. Ihr Büro sitzt in München, dennoch haben Sie bislang fast ausschließlich Wettbewerbe in der Schweiz bearbeitet. Wie kommt das zustande?
Marc Ritz: Das hängt eng mit unserer Gründung zusammen: Otto Closs und ich haben uns 2022 mit dem Gewinn des Wettbewerbs für das Schulzentrum Davos zusammengeschlossen. Davor waren wir in verschiedenen Büros tätig; Otto Closs bei Herzog & de Meuron in Basel, ich in Frankfurt und Darmstadt, unter anderem bei Dietz Joppien Architekten. Wir kennen uns seit dem Studium und haben schon damals eng zusammengearbeitet. Dass wir uns zunächst auf die Schweiz konzentriert haben, lag aber vor allem an den Chancen für junge Büros. Dort gibt es mehr offene Wettbewerbe, bei denen die Qualität des Projektes zählt, nicht die lange Referenzliste. In Deutschland gibt es solche offenen Verfahren nur selten, hier hängt die Vergabe deutlich stärker von Erfahrung und Referenzen ab.
BLACKPRINT: Sie haben das Büro also erst nach dem Wettbewerbsgewinn gegründet?
Marc Ritz: Ja genau. Wir hatten schon länger über Selbstständigkeit nachgedacht, wollten aber erst mal Erfahrung sammeln. Dann kam der Wettbewerb für das Schulzentrum Davos. Ausgangspunkt für unseren Entwurf war ein bestehender Schulcampus, der nach Wunsch der Gemeinde durch ein innovatives, nachhaltiges Gebäude ergänzt werden sollte. Der Bestand auf dem betreffenden Grundstück galt dabei als „abrisswürdig“. Dagegen haben wir klare Position bezogen und einen Entwurf eingereicht, der den Bestand wertschätzt und weiterentwickelt, um so die vorhandene graue Energie nutzen zu können.
BLACKPRINT: Das Gebäude positioniert sich städtebaulich wie funktional logisch zwischen zwei bestehenden Schulhäusern...
Marc Ritz: Es handelte sich um einen Verbindungsbau aus den 1960er-Jahren, bestehend aus zwei nebeneinander liegenden Gebäuden mit getrennten Treppenhäusern. Um aus dieser Struktur ein neues Ganzes zu machen, haben wir verschiedene Ansätze untersucht, immer mit dem Ziel, den vorhandenen Schulhof möglichst wenig zu beeinträchtigen. Dabei haben wir den Bestand nicht als Hindernis betrachtet, sondern vor allem als Chance und als Ausgangspunkt für etwas Neues.
Die Gegenüberstellung von Neu und Alt lässt die Strategie der Architekten deutlich werden: Der Neubau „stülpt“ sich über die bestehende Struktur und wird von einer neuen Hülle umschlossen.
BLACKPRINT: Und genau damit haben Sie sich den Anforderungen im Wettbewerb eigentlich widersetzt ...
Marc Ritz: Ja, wir haben den vorhandenen Zwischenbau an seinen Längsseiten erweitert und um ein zusätzliches Geschoss aufgestockt, um den gestiegenen Anforderungen des Raumprogramms gerecht zu werden. Der Neubau „stülpt“ sich über die gesamte bestehende Struktur und wird von einer neuen Fassadenhülle umschlossen, die thermisch wie ästhetisch überzeugen sollte. Zwischen die ehemals getrennten Treppenhäuser haben wir ein Atrium platziert, um das sich die Obergeschosse herum anordnen. Ganz wichtig außerdem: Durch den Anbau am Treppenhaus ist eine Split-Level-Struktur entstanden. Die Geschosse sind also jeweils um ein halbes Stockwerk versetzt, was kurze Wege und spannende Raumbeziehungen ermöglicht. Das Erdgeschoss bildet zusätzlich eine fließende Verbindung zwischen Schulstraße und Pausenhof.
Rückseitige Ansicht des Neubaus. Der im Obergeschoss integrierte Dachgarten bereichert das Raumgefüge des Schulzentrums.
BLACKPRINT: Eine ungewöhnliche Lösung! Wobei der Entwurf ja kein klassisches „Bauen im Bestand“ ist, denn von außen wirkt das Gebäude eher wie ein Neubau.
Marc Ritz: Wir wollten zeigen, dass ein Gebäude nicht denkmalgeschützt sein muss, um erhaltenswert zu sein. In Deutschland gibt es oft nur Schwarz oder Weiß: denkmalwürdig oder Abriss. Wir finden, es braucht mehr Grautöne. Ein Bau aus den 1960er-Jahren mag ästhetisch überholt wirken, aber hier in Davos war die Substanz noch völlig intakt. Deshalb haben wir teilweise entkernt, die tragende Struktur aber komplett erhalten. Denn gerade dort steckt die energetische Hauptlast. Einige Elemente, wie Stahlbetondecken, mussten aus Brandschutzgründen verkleidet werden; andere, wie Geländer, konnten erhalten und wieder eingebaut werden. Zusammengefasst ist ein Hybrid aus Alt- und Neubau entstanden, der die Geschichte des Hauses erlebbar werden lässt – auch als Vorbild für die nächste Generation. Rund 40 % der Baumasse stammen dabei aus dem Altbau.
Durch den Erhalt der tragenden Struktur ist ein Hybrid aus Alt und Neu entstanden.
BLACKPRINT: Eine Lösung, die auch Ihre Rolle als Architekt anders definiert ...
Marc Ritz: Ja, in der Tat. Uns geht es weniger um den Solitär auf der grünen Wiese, sondern um die sinnvolle Fortschreibung von vorhandenen Strukturen. Interessanterweise wollten Otto Closs und ich beide früher Archäologen werden. Das zeigt, dass uns schon immer interessiert hat, wie menschliches Handeln über Generationen die Umwelt prägt. Architektur erlaubt uns, an dieser Stelle Verantwortung zu übernehmen: Dinge zu planen, die über Jahrzehnte Bestand haben. Es geht weniger um Selbstverwirklichung, mehr um Verantwortung und das Erzählen von Geschichten.
BLACKPRINT: Und wie nehmen die Nutzerinnen und Nutzer das Konzept auf?
Marc Ritz: In einem Fragebogen haben sie angegeben, dass sie sich sehr gerne in dem Gebäude aufhalten. Unser Anspruch war, ein Schulgebäude zu schaffen, das so heterogen ist wie seine Nutzerinnen und Nutzer. Deshalb gibt es Rückzugsnischen, offene Zonen, Sitzplätze am Fenster und flexible Gruppenbereiche. Eine zentrale Rolle übernimmt auch das neu geschaffene Atrium mit seinen offenen Galerien. Es bringt nicht nur viel Tageslicht tief ins Gebäude, sondern ist zugleich ein echter Lern- und Aufenthaltsort. Man begegnet sich über mehrere Ebenen hinweg, es entsteht spontaner Austausch. Es ist nicht mehr nur ein Erschließungsflur, sondern das Herzstück, das das Gebäude zusammenbringt.
Das luftige Atrium sorgt für viel Tageslicht und schafft Raum für spontanen Austausch.
BLACKPRINT: Welche weiteren Gestaltungselemente prägen den Innenraum?
Marc Ritz: Durch sogenannte „Enfiladen“ – hintereinander schaltbare Klassenzimmer – entstehen zusätzliche pädagogische Möglichkeiten: Räume können sich öffnen und verbinden, aber auch schließen, wenn Ruhe nötig ist. Ergänzend haben wir insbesondere in Aula und Essbereich flexible Vorhänge integriert. Hintergrund war die Umstellung auf Ganztagsschule. Die Vorhänge ermöglichen je nach Bedarf offene oder geschlossene Nutzung und verbessern die Akustik. Abgerundet wird das Innenraumkonzept durch die rückseitig gelegene Dachterrasse. Die Idee dazu ist entstanden, weil der Hof stark versiegelt war und wir einen begrünten Rückzugsort schaffen wollten. Im Planungsprozess wurde das Konzept als Ausbaureserve aus statischen Gründen reduziert und wir haben nun einen Dachgarten geschaffen, der zum Sommerende bepflanzt wurde. Sein volles Potenzial wird man also erst im nächsten Jahr erleben.
Die hintereinander schaltbaren Klassenzimmer lassen sich je nach Bedarf flexibel verbinden oder schließen.
In Aula und Essbereich wurden akustisch wirksame Vorhänge integriert, um Räume flexibel trennen oder zusammenfügen zu können.
BLACKPRINT: Welche Rolle spielt die Gestaltung der Fassaden in Ihrem Konzept?
Marc Ritz: Innen wollten wir die Holzstruktur bewusst zeigen, außen fällt durch die grüne Farbgebung aus der Ferne zunächst nicht auf, dass es sich um eine Holzfassade handelt. Stattdessen haben wir die Fassadenbänder der Nachbarbauten aufgenommen und im Sockel Sichtbeton gewählt, um mit der Sporthalle zu kommunizieren. Der grüne Farbton korrespondiert mit der umgebenden Landschaft und den Tannenhängen rund um Davos und taucht im Innenraum wieder auf – etwa in Heizkörpern, Geländern oder einzelnen Akzenten –, aber nie dominant. Ziel war ein ganzheitliches, aber nicht monotones Gebäude.
BLACKPRINT: Wie steht es um Heizung, Lüftung, Materialwahl und Energieeffizienz?
Marc Ritz: Durch die neue Gebäudehülle konnten wir Neubau-Standards erfüllen. Das Holzskelett erlaubt flexible Raumaufteilungen und schafft damit die Basis für nachhaltige Nutzung. Zusätzlich haben wir Holzinnenwände, Kalkputz und Korkböden eingesetzt, um ein gutes Raumklima zu erhalten. Ganz wichtig war uns dabei, dass vor allem die stark frequentierten Bereiche sehr robust sein müssen. Anfangs hatte die Bauherrschaft Bedenken, dass Kinder auf die Holzflächen malen, aber das Gebäude wird sehr wertschätzend behandelt. Komplettiert wird unser Konzept durch die Low-Tech-Lösungen bei der Lüftung: Die Fenster sind aktiv nutzbar, das Atrium fungiert als natürlicher Kamin für Nachtauskühlung. Und dank eines Geothermie-Verbundes konnten klassische Radiatoren eingesetzt werden. So blieb das ursprüngliche Konzept vom Wettbewerb bis zur Fertigstellung erhalten. Gemeinsam mit der Bauherrschaft haben wir nicht sklavisch Vorschriften umgesetzt, sondern pragmatisch die jeweils beste Lösung gefunden.
BLACKPRINT: Das wirkt sich dann auch auf die Kosten aus, oder?
Marc Ritz: Ja, wir sind sogar ganz leicht unter den kalkulierten Kosten geblieben. Natürlich gab es Kompromisse, aber in zentralen Punkten haben wir unsere Vorstellungen umsetzen können. Besonders gefreut hat uns das große Vertrauen der Bauherrschaft von Anfang an. In Deutschland gibt es oft Vorbehalte gegenüber jungen Büros, gerade was die Kosten betrifft. Bei uns ist alles im Rahmen geblieben. Mit Unterstützung eines lokalen Büros für die Bauleitung vor Ort haben wir die Leistungen eng koordinieren können, so dass Kosten und Qualität jederzeit im Blick geblieben sind.
BLACKPRINT: Parallel zu dem Wettbewerb für den Neubau in Davos haben Sie auch an zahlreichen weiteren Wettbewerben für Schulbauten und Wohnprojekte in der Schweiz teilgenommen. Was würden Sie als typischen Ansatz Ihres Büros beschreiben?
Marc Ritz: Für uns steht immer der Bestand im Mittelpunkt. In Davos zum Beispiel hatten von 32 Wettbewerbsbeiträgen 30 den Abriss vorgeschlagen. Nur wir und ein weiteres Team wollten erhalten. Und genau das hat letztlich den Ausschlag gegeben und bestärkt uns in unserer Haltung, nicht automatisch abzureißen, nur weil es einfacher wäre. Ebenso wollen wir aber auch nicht dogmatisch alles bewahren. Vielmehr prüfen wir, was baulich, räumlich oder konstruktiv wertvoll ist, verwenden Teile weiter, bauen Bauteile wieder ein. Es geht um CO₂-Einsparung, Ressourcenschonung und Wertschätzung des Bestehenden. Und darum, Alternativen offensiv anzubieten, statt nur Erwartungen zu erfüllen.
BLACKPRINT: War das auch ein Grund für die Selbstständigkeit – ein konsequenterer Umgang mit Nachhaltigkeit?
Marc Ritz: Absolut. Wir kommen beide aus guten Büros, die aber nicht explizit für das Thema Nachhaltigkeit stehen. Stattdessen wollten wir ein Büro gründen, das seine Haltung nicht zugunsten des Projekterfolgs aufgibt. Uns ist es wichtiger, Dinge richtig zu machen, als möglichst viel zu bauen. Projekte, die nicht passen, lehnen wir ab, das ist ein Vorteil eines kleinen Büros. Das Projekt in Davos war diesbezüglich ein großer Motivationsschub.
BLACKPRINT: Auf Ihrer Website finden sich weitere Schulbauten, etwa das Schulhaus Hofmatt, wo Sie ebenfalls aufstocken und Bestand erhalten wollen. Oder das kreislauffähige Schulhaus Aussenwachten, wo Sie ein bestehendes Scheunengebäude integrieren und ein neues Ortszentrum schaffen wollen. Das Erdgeschoss und die Obergeschosse sind in Holz, Stroh und Lehm ausgeführt, für das Fluchttreppenhaus soll Recycling-Beton zum Einsatz kommen...
Auch für das Schulhaus in Hofmatt haben die Architekten die Aufstockung eines Bestandsbaus vorgesehen.
Der Treppenraum bildet das vertikale Herzstück des Schulhauses Aussenwachten und schafft eine maximale Verknüpfung der Geschosse als Kommunikationszentrum.
Marc Ritz: Ja, beide Arbeiten sind Wettbewerbsbeiträge. Einige Entscheidungen stehen noch aus. Daneben realisieren wir aktuell Umbauten, Studien und Machbarkeitsstudien, unter anderem für die Stadt München. Während der Bauphase in Davos lag unser Fokus komplett dort, das war sehr intensiv. Jetzt arbeiten wir wieder stärker an Wettbewerben in der Schweiz und versuchen, auch in Deutschland in Verfahren reinzukommen, was im sperrigen deutschen Vergabesystem nach wie vor sehr schwierig ist.
BLACKPRINT: Parallel zu Ihrer Arbeit als Architekten sind Sie mit Otto Closs in Karlsruhe als Gastprofessoren tätig...
Marc Ritz: Ja, das macht uns beiden viel Freude. Wir können unsere Haltung und Erfahrungen weitergeben und Studierende inspirieren. Dabei merken wir, dass die Studierenden Nachhaltigkeit mittlerweile aktiv einfordern und gezielt nachfragen, wie vorhandene Bauten respektvoll weiterentwickelt werden können. Das motiviert und zeigt, dass unsere Haltung sich verbreitet. Früher standen wir oft alleine da, wenn wir Bestand sichern wollten.
BLACKPRINT: Wie wird sich nachhaltiges Bauen in den nächsten zehn Jahren entwickeln?
Marc Ritz: Ich bin da ganz hoffnungsvoll. In der Schweiz ist man diesbezüglich aber schon deutlich weiter, dort werden auch in Wettbewerben zunehmend Kriterien berücksichtigt, die wir für entscheidend halten, etwa die Wertschätzung von Bestand oder die Reduktion von CO₂-Emissionen. Wir wünschen uns, dass sich diese Herangehensweise auch in Deutschland noch stärker etabliert. Oft wird der Bestand in Kostenberechnungen schlecht bewertet, obwohl er ein enormes Potenzial bietet. Entscheidend ist, kluge Lösungen zu finden, Prioritäten zu setzen, Ressourcen sinnvoll einzusetzen und sichtbare Elemente bewusst zu erhalten. Kommunikation, Überzeugungskraft und Ausdauer sind dafür ebenso wichtig wie positive Vorbilder: Ein Projekt wie das Schulzentrum in Davos zeigt, dass ein kreativer Umgang mit Bestand funktioniert!
BLACKPRINT: Herr Ritz, wir bedanken uns für das Gespräch!
Das Interview führte Robert Uhde.
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