Von der Kaugummifabrik zum Bürogebäude
// Das Amstelkwartier im Amsterdamer Südosten war lange Zeit vor allem industriell geprägt. Nach der sukzessiven Schließung der Zuidergasfabriek seit den 1970er-Jahren ist der Stadtteil mittlerweile zu einem modernen Wohn- und Büroquartier umgenutzt worden. Einen wichtigen Baustein dazu bietet auch das südlich direkt angrenzende Areal der Kaugummifabrik KBF. Das Unternehmen war 1948 kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden und firmierte seit 1956 in der Paul van Vlissingenstraat im Amstelkwartier. Den Firmennamen „Maple Leaf“ wollten die beiden Gründer dabei ausdrücklich als Hommage an die Kanadier verstanden wissen, deren Soldaten 1945 maßgeblich an der Befreiung der Stadt beteiligt waren.
Nach der Einstellung der Produktion im Jahr 2003 standen die vorhandenen Altbauten aus den 1950er-, 1960er- und 1980er-Jahren zunächst für einige Jahre leer. Nach einem Eigentümerwechsel im Jahr 2007 hat sich der Standort aber mittlerweile zu einem lebendigen Arbeitsumfeld entwickelt und durch verschiedene Um- und Neubauten ein völlig neues Gesicht erhalten. Als weithin sichtbarer Blickfang fungiert dabei der 65 Meter hohe, 2018 nach Plänen von concrete fertiggestellte Hotelturm „Postillion“. In den kommenden Jahren soll außerdem ein Wohngebäude mit 100 Einheiten fertiggestellt werden.
Umgenutzte Lagerhalle
Maßgeblich an der Transformation des Areals beteiligt ist das vor Ort ansässige Büro NEXT architects, das seinerzeit zu den ersten Mietern am Standort zählte und das kurz darauf auch in die städtebauliche Planung für das Quartier einbezogen wurde. Zuletzt haben die Architekten auch die in dunkelroter Klinkerbauweise gestaltete Lagerhalle der ehemaligen Kaugummifabrik grundlegend transformiert und zum modernen Bürogebäude umgenutzt.
Die ehemalige Produktionshalle der im Jahr 2003 stillgelegten Amsterdamer Kaugummifabrik (KBF) bringt heute Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen.
Im Rahmen der Umbauerweiterung ist der eingeschossige Sheddachbau großzügig geöffnet und nach Osten hin durch einen viergeschossigen Neubau in modularer Stahlbauweise und mit großformatigen Glasfronten überbaut worden. Nach Südwesten wird die Figur durch einen ähnlich gestalteten sechsgeschossigen Neubau ergänzt, im Zentrum des Grundstücks haben die Planer außerdem ein sechsgeschossiges Treppenhausvolumen in Holzbauweise hinzugefügt. Komplettiert wird der Entwurf durch einen südöstlich vorgelagerten, lediglich eingeschossig ausgebildeten Bestandsbau, der anstelle der früheren Betriebskantine jetzt eine moderne Gastronomie beherbergt. Im Zusammenspiel der verschiedenen Baukörper ist ein kontrastreiches Ensemble entstanden, das einen gelungenen Akzent zu den weiteren Neu- und Altbauten am Standort ermöglicht.

„Um den Bezug von Alt und Neu zu betonen haben die Auskragungen der Balkone den gleichen Winkel wie die Sheddächer darunter erhalten.“
Marijn Schenk, Projektarchitekt und Partner bei NEXT architects
Eine Besonderheit des Entwurfs sind die winkelförmig vor- und zurückspringenden Glasfronten und Balkone der beiden transparenten Bürobaukörper, die auf überraschende Weise die vorhandene Sheddachstruktur des Altbaus aufgreifen: „Um den Bezug von Alt und Neu zu betonen, haben wir die Sheddachform des Altbaus einfach um 90 Grad nach oben geklappt, also einfach vertikal statt horizontal angeordnet“, erklärt Marijn Schenk, Projektarchitekt und Partner bei NEXT architects. „Im Ergebnis haben die Auskragungen der Balkone also den gleichen Winkel wie die Sheddächer darunter erhalten.“ Die Unterseiten der Balkone sowie sämtliche Innenraumdecken sind alternativ mit Holzpaneelen verkleidet, zusätzlich wurden die Fassaden sowie sämtliche Dachflächen üppig begrünt. Ähnlich modern gibt sich der Neubau auch nach innen hin, wo im Zusammenspiel der verschiedenen Baukörper eine flexibel nutzbare Bürofläche von rund 8.400 Quadratmetern entstanden ist. Erschlossen und verbunden werden sämtliche Flächen durch das zentral platzierte Treppenhaus mit seiner angenehm-natürlichen Holzoptik.
Hohe Nachhaltigkeit
Mit der Transformation der ehemaligen Lagerhalle ist die Umnutzung der ehemaligen Kaugummifabrik KBF einen weiteren wichtigen Schritt vorangekommen: „Bereits 2012 haben wir darüber nachgedacht, wie wir dieses Gebiet von einem Industriegebiet mit großen Hallen in ein dynamisches Wohn- und Arbeitsviertel umwandeln können“, berichtet Marijn Schenk rückblickend. „Dabei haben wir von Anfang an großen Wert darauf gelegt, die vorhandenen Stärken des Areals zu bewahren und mit modernen Neubauten zu verbinden.“ Eine wichtige Rolle für das Konzept spielte von Anfang an auch der hohe Anspruch im Hinblick auf Nachhaltigkeit. Bei der Umsetzung der KBF-Lagerhalle wurde diese Vorgabe unter anderem durch eine vielfältige Nutzung der verschiedenen Dachflächen eingelöst. Um ein optimiertes Regenwassermanagement am Standort zu ermöglichen, wurden auf sämtlichen Flächen Retentionselemente integriert. Direkt darüber wurden Sedum-Matten verlegt und eine 420 m2 große Photovoltaikanlage installiert.
Komplexer Dachaufbau
Im Rahmen der Umsetzung wurde auf sämtlichen Dachoberflächen zunächst eine 3 Millimeter starke Dampfsperrbahn aus Bitumen aufgebracht, direkt darüber verlegten die Mitarbeiter der beauftragten Daktec BV aus Kampen eine FM-zugelassene PIR-Dämmplatte. Als oberste Schicht kam die selbstklebende EPDM-Abdichtungsbahn RESITRIX® SK W Full Bond von CARLISLE® zum Einsatz. Die wurzelfeste Bahn enthält keine Weichmacher und ist ökologisch völlig unbedenklich. Hinzu kommt, dass die Bahnen aufgrund ihres äußerst witterungs- und alterungsbeständigen Verhaltens eine Nutzungsdauer von über 70 Jahren bieten.
Über der Abdichtung aus RESITRIX® SK W Full Bond und einer aufliegenden Schutzmembran wurden im nächsten Schritt auf einer Gesamtfläche von 620 m2 Retentionselemente mit einer Höhe von 85 mm aufgebracht, um so eine Wasserspeicherung von bis zu 80 Litern pro m² zu erreichen. Im Ergebnis wird anfallendes Regenwasser damit zeitverzögert abgeleitet, so dass die örtliche Kanalisation nicht überlastet und die Überschwemmungsgefahr am Standort deutlich reduziert wird. Über der Retentionsebene wurden als obere Schicht ein spezielles Substrat und anschließend eine Dachbegrünung aus Sedum aufgebracht, um so eine attraktive „fünfte Fassade“ für die vor Ort tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den angrenzenden Büroräumen zu schaffen. Die Gründächer wirken sich positiv auf das Mikroklima und die Biodiversität am Standort aus, außerdem ermöglichen sie eine optimierte Dämmung und Kühlung im Innenraum. Und durch die darunter liegenden Retentionselemente ist sichergestellt, dass die Begrünung auch bei länger anhaltender Trockenheit ausreichend mit Regenwasser benetzt werden.
Das Retentionsdach leitet Niederschlagswasser zeitverzögert in die örtliche Kanalisation ab, so dass diese nicht überlastet wird.
Abschließend konnte dann die Photovoltaikanlage installiert werden. Auf einem Teil der Retentionselemente wurde alternativ eine 198 m2 große Dachterrasse mit 50 x 50 x 5 cm dicken Platten angelegt. Die Randbereiche der Dachflächen wurden als vegetationsfreie Zonen mit Kies ausgebildet.
Darüber hinaus haben die Planer eine attraktive Fassadenbegrünung umgesetzt und dazu spezielle Pflanzenkübel auf den Balkonen sowie vertikal verlaufende Rankhilfen aus Drahtseil entlang der Fassade integriert. Das Ergebnis ist eine luftige Begrünung, bei der die Transparenz der Glasfassade komplett
erhalten bleibt.
Robert Uhde
Projekt: KBF Warehouse
Standort: Daniel Goedkoopstraat 14, 1096 BK Amsterdam
Bauherr: Tristan Capital Partners, London
Projektentwickler: NEOO, Amsterdam
Planung: NEXT architects, Amsterdam
Bauunternehmen: Heilijgers, Amsterdam
Dachdeckerunternehmen: Daktec BV, Kampen
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